Im Drogeriemarkt-Regal stehen Kapseln, Tropfen und Pulver neben dem Vitamin C, und alle versprechen, dass die Kilos „schmelzen“. Die Packung sieht aus wie ein Medikament, der Monatsvorrat kostet schnell einen zweistelligen Betrag. Wer abnehmen möchte und sich fragt, ob so ein Produkt den Unterschied macht, findet hier eine nüchterne Einordnung: was rechtlich dahintersteckt, was geprüft ist, wo Risiken liegen und woran Sie unseriöse Angebote erkennen.

Person liest im Drogeriemarkt die Packung eines Nahrungsergänzungsmittels

Was ein Nahrungsergänzungsmittel rechtlich ist

Ein Nahrungsergänzungsmittel ist ein Lebensmittel, kein Arzneimittel. Das klingt nach Wortklauberei, hat aber Folgen. Arzneimittel müssen vor der Zulassung belegen, dass sie wirken und vertretbar sicher sind. Nahrungsergänzungsmittel durchlaufen dieses Verfahren nicht. Der Hersteller meldet das Produkt lediglich bei der zuständigen Behörde an, geprüft wird die Wirksamkeit dabei nicht.

Ein Siegel wie „geprüfte Qualität“ oder „klinisch getestet“ auf der Dose sagt deshalb allein wenig. Entscheidend ist, wer geprüft hat, was geprüft wurde und ob die Studie veröffentlicht ist.

Was die Leitlinie als Basis nennt

Die deutsche S3-Leitlinie zur Adipositas baut die Behandlung auf drei Säulen auf: Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung. Nahrungsergänzungsmittel zum Abnehmen gehören nicht dazu. Wie das im Alltag aussieht, steht im Überblick Gesund abnehmen: Was wirklich hilft und was nicht.

Das ist keine Geringschätzung einzelner Produkte. Es spiegelt wider, dass für die Kapseln aus der Werbung keine belastbaren Langzeitstudien vorliegen, die einen Nutzen im Alltag zeigen.

Wie Werbeaussagen zustande kommen dürfen

In der EU regelt die Health-Claims-Verordnung, was auf Verpackung und in der Werbung stehen darf. Gesundheitsbezogene Aussagen sind verboten, solange sie nicht von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) wissenschaftlich bewertet und in eine Liste zugelassener Aussagen aufgenommen wurden.

Für das Abnehmen ist diese Liste kurz. Zugelassen ist unter anderem eine Aussage zu Glucomannan, einem Quellstoff aus der Konjakwurzel: Er trage im Rahmen einer kalorienarmen Ernährung zur Gewichtsabnahme bei. Beachten Sie die Bedingung. Der Stoff ersetzt die kalorienarme Ernährung nicht, er setzt sie voraus. Außerdem muss er mit reichlich Flüssigkeit eingenommen werden, sonst kann er im Hals oder in der Speiseröhre aufquellen.

Für die große Mehrheit der übrigen Zutaten, die in Schlankheitsprodukten auftauchen, fehlt eine solche zugelassene Aussage. Das gilt für Grüntee-Extrakt, Garcinia, Bittermandarine, Chrom und die meisten „Fatburner“. Steht auf der Packung dennoch „fördert die Fettverbrennung“, lohnt der Blick, womit der Hersteller das begründet.

Wo Risiken liegen

„Pflanzlich“ heißt nicht „harmlos“. Einige Beispiele, die Behörden und Fachgesellschaften seit Jahren beschäftigen:

  • Grüntee-Extrakte in hoher Konzentration. Die EFSA hat 2018 Hinweise auf Leberschäden bei hohen Mengen an Catechinen bewertet. Gelber Urin, Oberbauchschmerzen und Müdigkeit sind Warnzeichen.
  • Anregende Stoffe. Synephrin, Koffein und Ähnliches können Herzklopfen, Blutdruckanstieg und Schlafstörungen auslösen, besonders in Kombination mit Kaffee.
  • Verunreinigte Importware. Immer wieder tauchen über Internet-Shops Produkte auf, in denen Arzneistoffe stecken, die nicht deklariert sind, etwa Appetitzügler, die in Europa nicht mehr zugelassen sind. Bei Käufen außerhalb der EU fehlt jede Kontrolle.
  • Wechselwirkungen. Wer Blutverdünner, Antidepressiva, Schilddrüsenmittel oder Medikamente gegen Diabetes nimmt, sollte jedes Präparat vorher mit Arzt oder Apotheke besprechen.

Woran Sie unseriöse Angebote erkennen

Ein paar Merkmale tauchen zuverlässig auf:

  • konkrete Versprechen wie „10 Kilo in 4 Wochen“ oder „ohne Diät und Sport“;
  • Vorher-nachher-Bilder und Erfahrungsberichte ohne überprüfbare Quelle;
  • ein „Geheimnis“ oder eine „Entdeckung“, die Ärzte angeblich verschweigen;
  • Zeitdruck: „Nur heute“, „nur noch wenige Packungen“;
  • ein Testsieger-Ranking auf einer Seite, die denselben Hersteller verkauft;
  • kein Impressum, kein Hinweis auf den Hersteller in der EU.

Das gilt auch für Blogs: Bewertungstexte, die jedes Produkt als „Schlüssel zur Traumfigur“ beschreiben, sind in der Regel Werbung, keine Information.

Wann ein Ergänzungsmittel sinnvoll sein kann

Es gibt Situationen, in denen Nahrungsergänzung berechtigt ist, aber sie haben mit dem Abnehmen wenig zu tun. Wer sich streng vegan ernährt, braucht Vitamin B12. In der Schwangerschaft wird Folsäure empfohlen. Bei nachgewiesenem Mangel, etwa an Eisen oder Vitamin D, verordnet der Arzt gezielt. Wer sehr wenig isst, etwa bei einer ärztlich begleiteten Formula-Diät, bekommt die Nährstoffe über das Produkt selbst.

Der gemeinsame Nenner: Ein Mangel wird festgestellt und dann ausgeglichen. Auf Verdacht, als Zusatz zur Diät, bringt das Pulver in der Regel nichts.

Was stattdessen trägt

Das Gewicht sinkt, wenn die Energiebilanz über Monate leicht negativ ist. Wie groß dieses Defizit sein sollte und wie es im Alltag gelingt, beschreibt der Beitrag Kaloriendefizit: Wie es funktioniert und wie Sie es im Alltag einhalten. Danach entscheidet sich, ob das neue Gewicht bleibt; dazu mehr unter Jo-Jo-Effekt vermeiden: So halten Sie Ihr Gewicht nach der Diät.

Kein Kapselhersteller kann Ihnen diese Arbeit abnehmen. Wohl aber kann ein Arzt prüfen, ob Hormone, Medikamente oder eine Erkrankung hinter einem hartnäckigen Gewicht stecken, und bei starkem Übergewicht Behandlungsoptionen besprechen, die tatsächlich geprüft sind.

Wann Sie zum Arzt sollten

  • Nach der Einnahme eines Präparats treten Herzrasen, Zittern, Atemnot oder starke Unruhe auf – setzen Sie es ab und suchen Sie ärztliche Hilfe;
  • Haut oder Augen färben sich gelblich, der Urin wird dunkel, Sie haben Schmerzen im rechten Oberbauch;
  • Sie haben Erkrankungen oder nehmen regelmäßig Medikamente und wollen ein Präparat dazunehmen;
  • Sie nehmen ohne erkennbaren Grund stark ab oder zu;
  • Gedanken ums Essen und Gewicht bestimmen Ihren Tag.

Bei Atemnot, Brustschmerzen oder Ohnmacht wählen Sie den Notruf 112.

Häufige Fragen

Wirken Fatburner wirklich?

Für die meisten Inhaltsstoffe liegt keine zugelassene Wirkaussage der EFSA vor. Was in Studien an Effekten gemessen wurde, war meist klein und im Alltag kaum spürbar.

Sind Produkte aus der Apotheke besser als aus dem Internet?

Apotheken sind zur Beratung verpflichtet und kennen Wechselwirkungen. Rechtlich bleibt ein Nahrungsergänzungsmittel aber ein Lebensmittel; die Wirksamkeit wird auch dort nicht geprüft.

Gibt es Mittel, die zugelassen sind?

Ja, einzelne Arzneimittel gegen Adipositas sind zugelassen und teils verschreibungspflichtig. Ob sie infrage kommen, entscheidet der Arzt nach Gewicht, Begleiterkrankungen und bisherigen Versuchen. Mit Kapseln aus dem Drogeriemarkt haben sie nichts gemeinsam.

Schadet ein Multivitaminpräparat beim Abnehmen?

In üblicher Dosierung ist es unproblematisch, bringt aber ohne nachgewiesenen Mangel auch keinen Vorteil. Es ersetzt keine ausgewogene Ernährung.

Lesen Sie auch

Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen

  1. Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG), Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM). Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas“. AWMF-Register Nr. 050-001, 2014.
  2. Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel.
  3. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel.
  4. EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS). Scientific opinion on the safety of green tea catechins. EFSA Journal. 2018;16(4):5239.